Deutsche Pensions & Investmentnachrichten
July 1, 2014

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Patrick Wirth, Managing Director des Engagement-Dienstleisters GES, zu vorbildlichen Investoren und mangelnder Transparenz.

Gibt es Staatsfonds, die sich zu Recht als nachhaltig bezeichnen?
Von den circa 40 bekannten Staatsfonds firmieren meines Wissens lediglich zwei mit dem Begriff Nachhaltigkeit: der norwegische Government Pension Fund sowie der New Zealand Superannuation Fund. Bezüglich Nachhaltigkeit sind Staatsfonds nicht anders einzustufen wie jeder andere Asset Owner auch. Sie firmieren zu Recht unter diesem Label, wenn das Konzept der Nachhaltigkeit in die Anlageprozesse integriert ist.

Was heißt das konkret?
Zusätzlich zu den traditionellen finanziellen Indikatoren sind auch materiell wichtige ESG-(Umwelt-, Sozial- und Corporate-Governance-)Faktoren zu berücksichtigen. Es wächst das Bewusstsein, dass verantwortungsvolles Geschäftsverhalten einen Einfluss auf das finanzielle Ergebnis haben kann – insbesondere auf längerfristige Sicht. Als Treiber werden dabei oft Aspekte wie Wahrnehmung der treuhänderischen Pflichten, effiziente Kapitalallokation, Sicherung der Reputation oder ganzheitliches Risikomanagement genannt.

Das ist wegen der schieren Größe vieler Staatsfonds anspruchsvoll.
Aufgrund ihrer Größe gilt für Staatsfonds wie auch für große Pensionsfonds, dass sie als „universelle Eigner“ sehr breit diversifiziert sind. Daher tun sie sich aus Gründen der Portfoliotheorie mit Desinvestitionen im größeren Umfang schwer. Folglich verwenden sie einen Engagement- Overlay, um ihr Portfolio dennoch anhand von ESG-Faktoren verbessern zu können.

Gibt es Fonds, die in Sachen Nachhaltigkeit vorbildlich operieren?
Das große Vorbild ist bestimmt der norwegische Staatsfonds. Dort existieren ethische Investitionsrichtlinien, welche zum Beispiel Investitionen in die Tabakindustrie oder in international geächtete Waffen verhindern. Auch Unternehmen, welche schwerwiegend und systematisch Menschenrechte missachten oder schwere Umweltschäden verursachen, können ausgeschlossen werden. Eine stringente Umsetzung dieser Richtlinien bei einer Größe von mehr als 600 Milliarden Euro sendet eine bis heute unerreichte Signalwirkung bezüglich Nachhaltigkeit an die Öffentlichkeit.

Hat das Breitenwirkung?
Dem norwegischen Staatsfonds kann man eine hohe Prozessqualität attestieren. Der Fonds führt einen konstruktiven Dialog mit Unternehmen und kann so deren Geschäftsverhalten positiv beeinflussen. Zahlreiche Finanzinstitutionen anerkennen die Vorgehensweise des norwegischen Staatsfonds und einige verwenden sogar die öffentlich publizierte Ausschlussliste des Fonds als Standard für die eigenen Anlageprozesse – allerdings ist das für die „Nachahmer“ eine reaktive Lösung ohne Rücksicht auf aktuell relevante ESG-Risiken.

Es gibt nur einen Leuchtturm?
Vorbildlich agiert auch der Fonds de compensation aus Luxemburg. Er verwaltet die Überschüsse der Rentenbeiträge und entspricht somit den Kriterien eines Staatsfonds. Vor knapp drei Jahren hat sich der Fonds de compensation Richtlinien auf Basis internationaler Standards wie zum Beispiel des UN Global Compact, der ILO Kernarbeitsnormen oder der Konventionen zu international geächteten Waffen auferlegt. Entsprechende Investitionen werden in allen Portfolios vermieden – sowohl in Aktien wie auch in festverzinslichen Anlagen.

Potente Staatsfonds aus Ländern wie China oder Katar machen auch Wirtschaftspolitik. Wie werten Sie diese Entwicklung?
Staatsfonds sollen ihre Anlageentscheide grundsätzlich wirtschaftlich und nicht politisch ausüben. Dies abzugrenzen stellt aber eine große Herausforderung dar. Zudem gibt es bei Staatsfonds große Unterschiede bezüglich Transparenz und wer welche Interessen verfolgt. Über gesetzliche Mechanismen, wie zum Beispiel das Außenwirtschaftsgesetz in Deutschland, können sich die Staaten vor unverhältnismäßigen oder fragwürdigen Investitionen absichern – umso mehr, wenn die Investitionen politisch geprägt sind und Abhängigkeiten verursachen. Problematisch wird es bei der Konstellation von Staatsfonds und Investitionen in Ländern mit wenig Rechtssicherheit oder mit Korruption.

Was ist davon zu halten, wenn europäische Banken sich mit Milliarden von Staatsfonds aus Ländern wie Katar mitfinanzieren?
Aus Sicht der Empfänger wurden dank diesen Milliarden einige taumelnde Banken vor der Insolvenz gerettet und Arbeitsplätze gesichert. Es handelt sich um längerfristige Beteiligungen im Umfang von weniger als 10 Prozent bei den entsprechenden Banken. Ich glaube, das ist positiv zu werten.

Braucht es unabhängige Expertengremien, die die Nachhaltigkeitskriterien für Staatsfonds festlegen und kontrollieren?
Nein. Gerade bei Staatsfonds wie auch bei staatlichen Vorsorgeeinrichtungen leiten sich die Nachhaltigkeitskriterien in der Regel von den internationalen Konventionen ab, die der jeweilige Staat ratifiziert oder unterzeichnet hat. Dabei werden oft die Bereiche Umwelt, Menschenrechte, Arbeitnehmerrechte, Korruption sowie international geächtete Waffen abgedeckt. Bei den wenigen beispielhaften Staatsfonds, die bis jetzt das Konzept der Nachhaltigkeit integriert haben, ist zugleich auch die Transparenz vorbildlich – ganz im Sinne von „Tue Gutes und rede darüber“. Natürlich braucht es dazu intern Ressourcen und Fachwissen.

„Nachhaltig“ ist ein sehr dehnbarer Begriff.
Der Begriff ist nicht nur dehnbar, sondern wird auch oft missbraucht. In der Phase der Portfoliokonstruktion können ESG-Kriterien zur Selektion von Unternehmen zweckdienlich sein. Die meisten ESG-relevanten Fragestellungen mit Handlungsbedarf für Portfolio Manager treten jedoch meist nach Zwischenfällen und Ereignissen im Portfolio auf. In dieser Phase des Portfolio Managements sind daher die Handlungen als Investor im Sinne von Shareholder-Engagement von größter Bedeutung. Bei ausschließlicher Selektion anhand von ESG-Kriterien besteht die Gefahr, dass Nachhaltigkeit in ein „Produkt“ verpackt wird und es an nachhaltigen Prozessen und Überzeugung in der Gesamtinstitution fehlt. Einer glaubwürdigen Integration von Nachhaltigkeit sollte daher eine interne Standortbestimmung vorausgehen. Wenn die Beweggründe bekannt sind, fallen die operative Umsetzung sowie die Kommunikation an die Anspruchsgruppen wesentlich einfacher.

Wer beispielsweise Anlagen in Streumunition und Antipersonenminen ausschließt, rühmt sich nachhaltig. Ein Feigenblatt?
In praktisch ganz Europa sind der Einsatz, die Herstellung oder die Weitergabe von Streumunition oder Antipersonenminen verboten. Bezüglich Investitionen in solche Waffen gibt es aber national unterschiedliche Auslegungen. So besteht etwa in Belgien oder Irland ein gesetzliches Investitionsverbot in Streumunition und Antipersonenminen. In Deutschland und in der Schweiz sind indirekte Investitionen über Aktien zwar erlaubt, doch in der Praxis haben zahlreiche Investoren dies ausgeschlossen. Wenn sich damit das Thema nachhaltige Geldanlagen bereits erledigt, ist jedoch die Feigenblatt-Kritik berechtigt.

Im Verhältnis zum gesamten Anlageuniversum sind nachhaltige Investments immer noch bescheiden.
Gemäß dem Marktbericht des Forums „Nachhaltige Geldanlagen“ umfasst das Volumen nachhaltiger Geldanlagen im deutschsprachigen Raum 134,5 Milliarden Euro. Im Vergleich zu 2012 entspricht dies einem Zuwachs von 12 Prozent. Institutionelle Anleger werden den Markt weiter treiben, denn dazu werden sie von ihren Anspruchsgruppen vermehrt gedrängt und Asset Manager werden sich alleine schon aus Gründen des Risikomanagements und der Reputation mit dem Thema beschäftigen.

by Bernhard Raos
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